Wenn meine größte Feindin mich fragen würde, wie sie endlich loslassen kann

…würde ich ihr genau das empfehlen.

Und ja. Jede einzelne Empfehlung klingt vernünftig, liebevoll sogar. Das ist die grausame Eleganz daran.

Ready?

1. Self Care

Ich würde sanft anfangen. Natürlich, wo sonst?

Self Care. Jeden Tag meditieren. Am besten mit Lavendelöl, Himalaya Salz und einer Spotify Playlist namens „Feminine Energy“. Dazu EFT. Achtsamkeit. Journaling.

Sie soll alles tun, was der Wellbeing Markt so hergibt. Wie eine brave Schülerin, die auf jede Empfehlung nickt.

Und dann soll sie in ihren Körper spüren. Und nichts finden. Alles genauso taub wie vorher.

Ich nenne es Selbstfürsorge. Was ich meine: Ich halte sie an der Oberfläche und nenne es Tiefe.

2. Wissen

Oh, wie ich Wissen liebe für meine Feindin. Sie soll lesen. Bücher über Trauma. Podcasts über Sexualität. Artikel über das Nervensystem.

„Komm, wie du willst“ als Pflichtlektüre. Sie soll ALLES verstehen, was in ihrem Körper passiert. Könnte dreistündige Vorträge über Nervensystemregulation halten.

Nur dass das Wissen nicht in ihrem Becken ankommt. Nie.

Ich nenne es Bildung. Was ich meine: Solange sie im Kopf bleibt, muss sie nicht fühlen. Perfekt.

3. Teure Tools

Schöne, glänzende, teure Tools. Yoni Eier in drei verschieden Größen mit Goldkettchen für die Schublade.

Ein Supplement für 129 Euro, das verspricht, ihre Libido zurückzubringen, während sie weiterhin so trocken bleibt wie die Sahara.

Eine Tantramassage als Geburtstagsgeschenk an sich selbst. Drei Tage emotional aufgewühlt. Dann weiter wie vorher.

Ich nenne es „in sich investieren“. Was ich meine: Ich gebe ihr die Illusion von Fortschritt, ohne dass sich irgendetwas verändert.

4. Gespräche

Das 78. Gespräch mit ihrem Partner. „Schatz, wir müssen reden.“ Dieselben Worte. Dieselbe Stille danach. Aber statt klarer Worte kommen nur Silben wie bei einer Anderthalbjährigen.

Der Versuch bei ihrem Therapeuten, den sie um Hilfe bitte. Nach dem sie die Blumen auf dem Tisch vor ihr anstarrt und hofft, das Schweigen endet bald.

Vielleicht Paartherapie, wenn gar nichts mehr geht.

Hauptsache, sie redet ÜBER Hingabe. Statt sie zu fühlen.

5. Das Mantra

Und dann mein Lieblingsstück. Drei Worte, die alles zusammenhalten: „Entspann dich einfach.“

Ich lasse sie das hören. Von Freundinnen, Therapeutinnen, Instagram Accounts mit Rosenquarz in der Bio. 

„Lass einfach los.“ „Verbinde dich mit deiner Weiblichkeit.“ „Öffne dein Herz.“

Während ihr Kopf sie anbrüllt: „LASS DOCH EINFACH LOS!! So schwer kann’s doch nicht sein!!“

Und sie es nicht kann. Weil niemand ihr das entscheidende Detail gesagt hat:

Ihr Körper KANN nicht loslassen, solange er sich nicht sicher fühlt. Du kannst deinem Nervensystem nicht befehlen, sicher zu sein. Egal wie viel Lavendel du draufkippst.

Aber das sage ich meiner Feindin natürlich nicht.

6. Performance

Wenn trotz allem etwas passieren sollte (der Körper ist hartnäckig, manchmal will er fühlen, auch wenn der Kopf NEIN brüllt), dann bringe ich ihr bei, es richtig zu machen.

Richtig zu stöhnen. Zum richtigen Zeitpunkt zu kommen. Seinen Blick zu lesen, statt ihren eigenen Körper zu spüren. Sich zu fragen: Kommt er gleich? Mache ich das richtig? Dauert es ihm zu lang?

Ich nenne es Leidenschaft. Was ich meine: Ich habe sie so gründlich von sich selbst abgeschnitten, dass sie beim Sex allen möglichen Menschen dient. Nur nicht sich selbst.

Die perfekte Kontrolletti-Queen in ihrem Element.

Das Ergebnis

Sollte sie nach einem Jahr zu mir kommen… müde, ratlos, mit einem Körper, der sich anfühlt wie eine Mietwohnung, in der sie wie eine Pendlerin nur noch schläft…

Dann habe ich meine Antwort natürlich längst vorbereitet.

Ich sehe ihr in die Augen und sage mit der ganzen Wärme einer Frau, die es doch nur gut meint:

Du bist halt zu sehr in deiner männlichen Energie.

Und sie wird es glauben. Das ist der Teil, der mich nachts ruhig schlafen lässt.

Sie wird sich selbst die Schuld geben. Nicht dem System aus Optimierung und Kontrolle und „entspann dich einfach“.

Weil dieses System überall ist. In jedem Ratgeber, in jeder Frauenzeitschrift, in jedem gut gemeinten „Hast du schon mal diese 5 Tipps für mehr Weiblichkeit probiert?“

Etwas, das überall ist? Kann ja nicht falsch sein. Also muss sie es sein.

Ich hätte ihr exzellente Arbeit geliefert. Lehrbuchreif. Jede Empfehlung branchenüblich und von tausend Wellness Expertinnen bestätigt.

Ich hätte ihr ein paar hundert Euro für Supplements und Apps und Kurse genommen. Unzählige Stunden in Gesprächen und Recherche verbrannt.

Und das Wichtigste: das letzte bisschen Vertrauen in ihren eigenen Körper.

Und: Sie hätte sich bei mir bedankt.

Der unangenehme Teil

Ich habe diesen Plan nie gegen eine Feindin angewendet. Musste ich auch nie.

Weil die meisten Frauen, die ich kenne, ihn längst gegen sich selbst anwenden. Mit einer Hingabe, die ich fast bewundern würde, wäre sie nicht so schmerzhaft.

Du hast meditiert. Gejournalt. Affirmationen aufgesagt. Wie eine brave Schülerin.

Du hast „Komm, wie du willst“ gelesen. Und drei andere Bücher. Und den Podcast gehört. Und die Hypnose ausprobiert.

Du hast drei verscheidene Yoni Eier in der Schublade. Die es noch nie da raus ans Tageslicht geschafft haben.

Du hast beim Sex die Zähne zusammengebissen und gelächelt.

Du hast das Gespräch geführt. Mehrfach. Mit denselben Worten. Und derselben Stille danach.

Du hast dir das alles selbst empfohlen. Sehr überzeugend übrigens.

Niemand musste dich sabotieren. Deine Kontrolletti-Queen erledigt das seit Jahren für dich. Zuverlässig. Effizient. Mit dem Lächeln einer Frau, die alles im Griff hat.

Was stattdessen?

Und bevor du jetzt fragst, was die Alternative ist…

Nein.

Ich habe gerade tausend Wörter darauf verwendet zu erklären, warum Meditation, Wissen und „Entspann dich einfach“ die eleganteste Form der Selbstsabotage sind, wenn es um Hingabe und Lust geht.

Aber ich sage dir, dass es einen Weg gibt, der nicht über deinen Kopf führt. Nicht über noch mehr Wissen. Nicht über „Lass einfach los.“

Sondern über deinen Körper. Über den Moment, wo Kontrolle keine Schwäche ist, sondern Schutzintelligenz deines Nervensystems.

Und wo echte Hingabe anfängt: nicht trotz dieser Schutzintelligenz, sondern aus tiefer Sicherheit heraus.

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