Wie du deine Sexualität schamfreier lebst

Scham ist ein zutiefst menschliches Gefühl, das wir alle kennen. Doch kaum jemand spricht darüber. Denn Scham lässt uns wortwörtlich im Boden versinken.

Und nirgendwo ist Scham so laut wie in unserer Sexualität.

Vielleicht kennst du das: Du liegst nackt neben jemandem und statt Lust zu spüren, rattert dein Kopf. Sehe ich okay aus? Rieche ich okay? Mache ich das richtig? Was denkt er gerade? Scham ist wie ein unsichtbarer Beobachter im Schlafzimmer, der dir jede Leichtigkeit raubt.

In diesem Artikel zeige ich dir, was Scham wirklich ist, warum sie gerade beim Sex so präsent ist und wie du dich Schritt für Schritt davon befreien kannst. Ohne dich zusammenzureißen. Ohne dir einzureden, dass du „einfach lockerer“ sein musst. Sondern indem du verstehst, was da wirklich passiert.

Was ist Scham überhaupt?

Als Mensch tragen wir alle Scham in uns. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, kann uns dazu bringen, uns zurückzuziehen, uns zu verstecken oder uns selbst zu verurteilen. 

Die bekannte Forscherin Brené Brown definiert Scham als ein tiefes Gefühl der Unzulänglichkeit, das oft mit dem Glauben einhergeht, dass man fehlerhaft, unzureichend oder unwürdig ist.

Scham ist eine universelle menschliche Erfahrung, die uns in allen Kulturen auf der Welt begegnet. Jeder Mensch empfindet im Laufe seines Lebens Scham. Es ist wichtig zu erkennen, dass Scham nichts ist, was mit uns persönlich falsch ist, sondern eine normale menschliche Emotion.


Scham & Sexualität

Sexualität ist ein Thema, bei dem die meisten von uns Scham empfinden. Auch ich hatte immer wieder das Gefühl, mich verstecken zu müssen.

Scham, die ich bereits als kleines Kind empfunden habe, als ich mich selbst berührte (was im Übrigen ganz normal ist), dafür jedoch viel Ablehnung von meinem Umfeld erfuhr. Später führte das bei mir dazu, dass ich mich für meine Solo-Sexualität sehr schämte.

Was mich befreit hat? Nicht das Wissen, dass ich mich nicht schämen „muss“. Sondern der Moment, in dem ich meine Scham zum ersten Mal vor einem anderen Menschen aussprechen konnte. Und gehalten wurde. Dazu gleich mehr.

Hier zunächst ein paar konkrete Tipps, wie du mit Scham allgemein sowie in deiner Sexualität umgehen kannst.

5 Tipps, wie du deine Sexualität schamfreier lebst

1. Erkenne das Gefühl unter der Scham

Scham ist eine Emotion, kein Gefühl. Was ist heir der Unterschied? Gefühle sind “primärer” Natur, also haben einen unmittelbaren Ausdruck. 

“Primäre” Gefühle sind Trauer, Wut, Freude, Angst und (je nach Definition) Liebe und Überraschung. Emotionen hingegen sind “interpretierte” Gefühle, die Angst, Wut oder Freude kann so zu Scham werden. Und das ist ganz abhängig von unserer Biografie, unserer Kultur, unserem Selbstwertgefühl u.v.m. 

Wenn wir lernen, uns nicht mehr von der Scham, sondern dem ursprünglichen Gefühl und damit einhergehenden Bedürfnis leiten zu lassen, schaffen wir die Grundlage für ein (scham-)freies und glückliches Leben.

2. Verbinde dich mit anderen

Scham kann sehr einsam machen und uns das Gefühl geben, dass wir allein sind mit unseren Gefühlen und Erfahrungen. 

Es kann daher hilfreich sein, sich mit anderen zu verbinden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das kann in Form von Gesprächsgruppen, Therapie oder einfach Gesprächen mit Freunden und Familie geschehen. Durch den Austausch können wir uns gegenseitig unterstützen und lernen, uns selbst und andere mitfühlend zu behandeln.

3. Übe Akzeptanz und Selbstmitgefühl

Brené Brown betont, dass Akzeptanz und Selbstmitgefühl wichtige Aspekte im Umgang mit Scham sind. Wir sollten uns bewusst machen, dass Scham ein normaler Bestandteil unseres Lebens ist und uns selbst mitfühlend gegenübertreten. Indem wir uns selbst akzeptieren und uns selbst vergeben, können wir uns von Scham befreien.

4. Verantwortung übernehmen

Oftmals neigen wir dazu, unsere Schamgefühle anderen Menschen oder Umständen zuzuschreiben. Wir denken, dass uns jemand oder etwas beschämt hat. Doch letztendlich tragen wir selbst die Verantwortung dafür, wie wir uns selbst sehen und wie wir uns selbst fühlen. Indem wir uns dieser Verantwortung bewusst werden, können wir uns von der Macht anderer über uns befreien und mehr in die Selbstverantwortung gehen.

5. Professionelle Unterstützung suchen

Schamgefühle können sehr tief verwurzelt sein und es kann schwierig sein, sie allein zu überwinden. In diesem Fall kann es hilfreich sein, sich professionelle Unterstützung durch Coaching oder Psychotherapie zu suchen. 

Ein:e erfahrene:r Coach:in oder Therapeut:in kann dir dabei helfen, deine Schamgefühle zu erkennen und zu überwinden, indem er:sie dich dabei unterstützt, tiefer in deine Gefühle und Bedürfnisse einzutauchen.

 

Dinge, für die du dich beim Sex nicht schämen musst

  • deine sexuellen Erfahrungen – Body Count oder dein 1. Mal
  • Körperbehaarung, Dellen, Röllchen, Falten etc.
  • deine Periode
  • deine Vulva und Vagina 
  • wie trocken oder wie feucht sie ist
  • als Mensch mit Penis nicht immer hart & ausdauernd zu sein
  • keine Lust (mehr) zu haben
  • eine Pause zu machen, aufs Klo zu gehen, zu pupsen, …
 
Eigentlich brauchst du dich für nichts, was dir beim Sex passiert, schämen – solange du damit keinem anderen Menschen schadest 🙂
 

So löst du deine Scham beim Sex auf

Vielleicht hast du gerade beim Lesen gemerkt: Du erkennst dich in vielen Punkten wieder. Du weißt eigentlich, dass du dich für nichts schämen musst. Aber das Wissen allein reicht nicht, um die Scham im Körper zu lösen.

Scham ist ein zutiefst relationales Gefühl. Sie entsteht im Kontakt mit anderen und sie heilt auch im Kontakt mit anderen. Das bedeutet: Irgendwann brauchst du ein echtes Gegenüber, das dich sieht, hält und dich liebevoll durch das hindurchbegleitet, was sich allein zu groß anfühlt.

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